Einordnung des Projekts in den wissenschaftlichen Diskurs
Unlängst sind mit der von der KMK im Jahre 2016 verabschiedeten Strategie zur Bildung in der digitalen Welt Anforderungen an modernen Unterricht formuliert worden.
Diese ergeben sich partiell aus den sogenannten 21st century skills, also Fertigkeiten, die Jugendliche für eine erfolgreiche Teilhabe an der Gesellschaft der Zukunft erwerben sollten (vgl. Fadel, Charles/Bialik, Maya/Trilling, Bernie, Die vier Dimensionen der Bildung. Was Schülerinnen und Schüler im 21. Jahrhundert wissen müssen, Übers. Muuß-Merholz, Jöran, ZLL21 2017). Neben einer Evolution von Wissenslernen (von traditionellen Wissenseinheiten, hin zu Systemdenken, Design Thinking, Big Data) und zu schärfenden Charaktereigenschaften (Achtsamkeit, Mut, Empathie, Resilienz, etc.) finden sich hier auch die 4K (Kreativität, kritisches Denken, Kommunikation, Kollaboration) sowie Metakognition und Verantwortung. Lernangebote für all diese Fähigkeiten sind mit aktuellen Lehrwerken nicht abgebildet, vielmehr können sie nur durch viel individuellen Aufwand der Lehrkräfte in Unterricht implementiert werden – meistens am Lehrwerk vorbei.
Doch der Einsatz digitaler Medien im Unterricht zielt nicht nur auf das Erlernen von Fertigkeiten im Umgang mit ebendiesen Medien ab, er begünstigt auch das Lernen des Unterrichtsgegenstandes selbst. Es gibt in Ergebnissen aus Meta-Studien Hinweise auf einen schwach positiven Effekt digitaler Medien auf das Lernen von Schülerinnen und Schülern (vgl. Burow, Olaf-Axel (Hrsg.), Schule digital – wie geht das?, Beltz 2019, S. 22; Honegger, Beat Döbeli, Mehr als 0 und 1. Schule in einer digitalisierten Welt, hep 2017, S. 68; Schaumburg, Heike, in: McElvany et al. (Hrsg.), Empirische Befunde zur Wirksamkeit unterschiedlicher Konzepte des digital unterstützten Lernens, S. 27-40; McElvany, Nele, et al. (Hrsg.), Digitalisierung in der schulischen Bildung. Chancen und Herausforderungen, Waxmann 2018, S. 99-105; Stegmann, Karsten, in: Fischer/Stegmann/Tippelt (Hrsg.), Zeitschrift für Pädagogik, Jg. 66, Heft 2, März/April 2020, Beltz Juventa 2020: Effekte digitalen Lernens auf den Wissens- und Kompetenzerwerb in der Schule. Eine Integration metaanalytischer Befunde, S. 174-190).
Zudem gibt es mit verschiedenen Lehr- und Lern-Typen eine heterogene Ausgangslage für Lernen in Schule. Es braucht individuelle Hilfe für Einzelne und verlässliche Strukturen für alle. Anders als bei der Vermittlung rein deklarativen Wissens („Brockhauslernen“), müssen sich sowohl Lehrer*innen als auch Schüler*innen das Arbeiten mit digitalen Medien, eher prozedurales Wissen, in weiten Teilen selbst aneignen.
Ein aktuell relevantes Lehrwerk muss folglich funktional und strukturell so angelegt sein, dass es individuelle Lernwege und -kanäle bedient, dass es Freiräume zur persönlichen Gestaltung des eigenen Lernfortschritts lässt (vgl. auch Rasfeld, Margret/Breidenbach, Stephan, Schulen im Aufbruch. Eine Anstiftung, Kösel 2019), und dass es als digitales Werkzeug im Hintergrund das kommunikative und menschliche Miteinander ermöglicht (Medienmündigkeit als reflektierte, selbstverantwortete und gezielte Medienkompetenz, vgl. Lankau, Ralf, Kein Mensch lernt digital. Über den sinnvollen Einsatz neuer Medien im Unterricht, Beltz 2017).
All das sucht The Textbook mit seinem didaktischen Grundprinzip und seiner funktionellen Struktur zu sein. Es ist ein großer Wurf, aber eben auch ein nötiger, um die Schüler*innen für eine selbstbestimmte Zukunft unter Zuhilfenahme digitaler Medien zu befähigen.
Das Georg Eckert Institut (http://www.gei.de/de/home.html) kennt kein ausschließlich digitales Lehrwerk für den Englischunterricht. Die derzeitigen Versuche deutscher Verlage, wie der ECourse von Klett (https://www.klett.de/inhalt/ecourse/158291) oder Scook von Cornelsen (https://www.scook.de), gehen didaktisch nicht über das Erfüllungslernen hinaus und bieten keine Aufgabenstellungen, die dem 4K-Modell der Lernens entsprechen würden. Letztlich sind es digitalisierte analoge Bücher – oft nicht mehr als ein PDF der Druckseite. Zum selben Schluss kommt auch Anne-Kathrin Miera-Yacoub in ihrer in 2020 publizierten Dissertation Englischunterricht mit digitalen Lehr- und Lernmitteln – Wie könnte eine Alternative zum vorwiegend analogen Lehrwerk aussehen? (S. 232ff.). Sie konstatiert ernüchtert, „dass digitale Formen facettenreiche Varianten bieten, den Unterricht zu gestalten. Allerdings gibt es kein Angebot, das diese Potentiale für den Fremdsprachenunterricht in Gänze umsetzt. Die Angebote der Schulbuchverlage nutzen die didaktischen und technologischen Potentiale nicht aus. Sowohl Scook von Cornelsen als auch das Angebot von Klett orientiert sich an der Übertragung des Printlehrwerkes in digitaler Form mit einigen wenigen digitalen Funktionen. Interaktive Formen, die die Schülerinnen und Schüler in eine mitbestimmende Rolle versetzen könnten, die kollaborative Arbeitsformen ermöglichen und individualisierende Lernformen integrieren würden, sind nicht verwirklicht worden.“
Die Studie nimmt aktuelle Englisch-Lehrwerke in den Blick und belegt wissenschaftlich fundiert, was wir als Englisch-Lehrer*innen in der Unterrichtspraxis selbst wahrgenommen haben (https://duepublico2.uni-due.de/receive/duepublico_mods_00072261): Die Autorin kommt zu einem vernichtenden Urteil für aktuelle Englisch-Lehrwerke hinsichtlich der Implementierung digitaler Kompetenzen sowie des weiter oben besprochenen Einübens von 21st century skills. Sie stellt fest, dass „die Lehrwerkdominanz eine entscheidende Barriere für den Einsatz digitaler Formen im Fremdsprachenunterricht darstellt“ und dass „die Mängel bezüglich Aktualität, Differenzierung, Textauswahlmöglichkeiten und der Förderung der Lernautonomie Grund [sind], das Lehrwerk einer Revision zu unterziehen.“
Eine gewisse Enttäuschung über das verschenkte Potenzial digitaler Medien gerade im interaktiven und lebendigen Fremdsprachunterricht ist der Studie anzumerken: „Die veränderte Kommunikationskultur und Vernetzung und die damit verbundene Medienkompetenz kann durch das bestehende Lehrwerk nicht integriert werden. Dies ist angesichts der Tatsache, dass Fremdsprachenlernen bedeutet, in einer fremden Sprache kommunizieren zu lernen, ein schwerwiegendes Argument gegen das Lehrbuch als Hauptmedium. Im Ergebnis behindert es die Ausschöpfung digitaler Potentiale.“
Anne-Kathrin Miera-Yacoubs Vorschläge für ein geeignetes digitales Lehrwerk klingen wie eine Bauanleitung für unser montessorianisch geprägtes Textbook: „Ein Arrangement digitaler Lehr- und Lernmittel müsste es […] der Lehrkraft, ermöglichen, das Umfeld, die Werkzeuge und die Materialien so anbieten zu können, dass die Lernenden effizient individuell-kognitive als auch sozial-emotionale Lernformen finden. […] Die Balance zwischen Kontrolle und freiem Arbeiten sowie Vorgabe und Wahlfreiheit sollten in dem System adaptiven Charakter haben. D.h. in Abhängigkeit zu den lernstrategischen Fähigkeiten, sprachlichen Kompetenzen und der Lernbereitschaft der Schülerinnen und Schüler kann der Autonomiegrad angepasst werden. Es geht nicht nur um eine Zusammenstellung von Texten und Aufgaben zu verschiedenen Themen, sondern vielmehr um ein Arbeitsumfeld mit Impulsen, in dem verschiedene Materialien für unterschiedliche Schwerpunkte zu Lernwegen werden. […] Dazu ist es wichtig, sich von analogen Denkweisen mit linearen oder kreisläufigen Prozessen zu lösen und stärker adaptiv zu denken. Hinzu kommt, dass der Arbeitsaufwand für die Bereitstellung dieses Lernumfeldes gering gehalten werden muss, um erstens die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte nicht zu sehr zu strapazieren und zweitens auch bei den Nutzenden eine entsprechende Akzeptanz zu erreichen.“ Freilich beziehen sich diese Ergebnisse auf existierende Lehrwerke. Es zeigt sich deutlich, wie revolutionär The Textbook hinsichtlich Didaktik, Digitalität und Funktion sein wird. Der Storytelling-Ansatz wäre ohnehin weltweit einzigartig und ist daher noch nicht im wissenschaftlichen Diskurs wiederzufinden.